Das Verschwinden (1/6)

Shownotes

"Mord unter Freunden" ist eine 6-teilige Produktion und erscheint immer mittwochs exklusiv bei Podimo. In der Podimo-App findest du bereits weitere Folgen. Mit dem Link go.podimo.com/mord-freunde kannst du Podimo 45 Tage lang kostenlos testen. – Warum verschwindet Marco W. aus Bremen von einem auf den anderen Tag? Seine Halbschwester Lisa-Marie Michalke macht sich Sorgen und geht auf die Suche nach ihm. Sie findet heraus: Marco ist tot. In der ersten Episode “Mord unter Freunden” erzählt Lisa mithilfe von Maximilian Pollux wer ihr Bruder war, wann und wie sich die beiden Halbgewister kennenlernten und was Lisa über die Vergangenheit ihres Bruders in Erfahrung bringen konnte. Marco hatte eine schwierige Kindheit, sein späteres Leben war von Freude, Verlust und Sucht durchzogen.Die Geschwister bauten im Laufe der Zeit eine enge Freundschaft auf. – “Mord unter Freunden” erscheint jeden Mittwoch exklusiv bei Podimo. Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen! – “Mord unter Freunden” ist eine Co-Produktion von FLOW media company und supa.stories für Podimo. Mit Host Maximilian Pollux und Lisa-Marie Michalke Executive Producer Podimo: Judith Stiegler-Trost, Madeleine Petry Marketing Podimo: Majbritt Doege Executive Producer FLOW media company: Sabrina Andorfer Produktion FLOW media company: Tim Giese, Lars Hansen, Lorenz Schuster Sound-Design und Schnitt FLOW media company: Serdar Deniz Redaktion: Recherchiert und geschrieben von supa.stories Erzählerin: Laura Freisberg – Wir danken Lisa für ihr Vertrauen!

Transkript anzeigen

00:00:00: Dieser Podcast berichtet über einen laufenden Mordprozess.

00:00:03: Für die Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

00:00:07: Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme liegt kein Gerichtsurteil vor.

00:00:11: Triggerwarnung.

00:00:13: In dieser Folge werden Suizidgedanken thematisiert.

00:00:17: Frühling 2020.

00:00:20: Die 26-jährige Lisa Michalke ist verzweifelt.

00:00:23: Sie kann ihren Halbbruder Marco W. nicht erreichen.

00:00:27: Seit Wochen nicht.

00:00:28: Sie hat ihm auf WhatsApp geschrieben.

00:00:30: Aber der zweite Haken erscheint nicht.

00:00:33: Die Nachricht kommt gar nicht bei ihm an.

00:00:35: Sie hat es auch über den Facebook-Messenger versucht.

00:00:38: Manchmal schreiben sich die Geschwister hier.

00:00:41: Aber auch hier.

00:00:42: Die Nachrichten werden gar nicht erst zugestellt.

00:00:45: Lisa Michalke kennt Marco W.s Freunde aus Bremen nur aus Erzählungen.

00:00:50: Sie selbst wohnt in Hameln.

00:00:52: Sie hat keine Namen, keine Telefonnummern.

00:00:55: Sie kann niemanden fragen, ob er kurz bei ihrem Bruder

00:00:59: nach dem Rechten sehen kann.

00:01:01: Sie fasst einen Entschluss.

00:01:03: Sie geht Marco W.s Freundesliste bei Facebook durch.

00:01:06: Mit 194 Leuten ist er dort befreundet.

00:01:09: Lisa Michalke schreibt 194 Nachrichten.

00:01:13: Sie stellt sich vor, bittet um jede Art von Hinweis zu ihrem Bruder.

00:01:17: Er erklärt, dass sie ihn seit Monaten nicht erreichen kann.

00:01:21: (Düstere Musik)

00:01:22: Doch niemand weiß etwas.

00:01:28: Niemand hat ihn in den letzten Monaten gesehen.

00:01:30: Niemand hat mit ihm gesprochen.

00:01:32: Nur eine Person hat etwas gehört.

00:01:34: Florian G., ein Freund aus Bremen.

00:01:38: Er erzählt Lisa Michalke,

00:01:40: er habe gehört, dass Marco W. eine neue Frau kennengelernt habe.

00:01:44: Vermutlich habe er sich ein Auszeit genommen.

00:01:47: Lisa Michalke ist erleichtert.

00:01:49: Ein Hinweis.

00:01:51: Ja, bestimmt hat ihr Bruder nur durch die neue Liebe

00:01:53: die Welt um ihn herum vergessen.

00:01:55: Sie lässt das Thema erst mal wieder ruhen.

00:01:58: Gibt ihrem Bruder den Freiraum, den er scheinbar gerade braucht?

00:02:02: Sie ahnt nicht, dass sie Florian G. damit genau in die Karten spielt.

00:02:07: Denn ihr Bruder ist nicht frisch verliebt.

00:02:10: Er ist schon lange tot.

00:02:13: (Düstere Musik)

00:02:14: Mord unter Freunden.

00:02:20: Folge eins.

00:02:21: Das verschwinden.

00:02:22: (Düstere Musik)

00:02:25: Heute, im Sommer 2024, sagt Lisa Michalke,

00:02:34: dass ihr Bruder ermordet wurde.

00:02:36: Er ist nur 46 Jahre alt geworden.

00:02:38: Sie hat sogar einen Verdacht von wem er getötet wurde.

00:02:42: Doch der Fall ist kompliziert.

00:02:44: Das Verfahren läuft seit Februar 2023

00:02:47: und zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcasts

00:02:50: liegt noch kein endgültig rechtskräftiges Urteil vor.

00:02:54: Lisa Michalke fährt zu den Gerichtsterminen.

00:02:56: Sie hält alle Informationen fest, die ihr relevant erscheinen.

00:03:00: Denn es passieren immer wieder Fehler.

00:03:03: Fehler, die Lisa Michalke glauben lassen,

00:03:06: dass sie dem Justizsystem nicht ganz vertrauen kann.

00:03:09: Deshalb möchte sie,

00:03:11: dass die Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam wird.

00:03:15: Es ist Anfang 2023,

00:03:18: als sich Lisa Michalke bei Maximilian Pollux meldet.

00:03:22: Pollux ist Podcast-Host und YouTube-Creator.

00:03:26: In seinen verschiedenen Formaten spricht er viel über Kriminalität

00:03:29: und True-Crime-Fälle.

00:03:31: Mit seiner Reichweite hofft Lisa Michalke

00:03:34: den Fall, ins Licht der Öffentlichkeit holen zu können.

00:03:37: Jetzt, über ein Jahr später,

00:03:39: haben die beiden endlich die Chance, miteinander zu sprechen.

00:03:42: Ihr Interview wurde für diesen Podcast aufgezeichnet.

00:03:45: Danke, Lisa. - Danke dir.

00:03:47: Danke, dass du dich unserem Team den Hörerinnen und mir anvertraust.

00:03:51: Pollux hat sich tief in den Fall eingearbeitet

00:03:54: und möchte Lisa Michalke im Interview helfen,

00:03:57: ihre Gedanken zu sortieren, den Fall zu dokumentieren.

00:04:00: Sie möchten gemeinsam wichtige Fragen klären.

00:04:03: Wie konnte es so lange unentdeckt bleiben,

00:04:07: dass Marco Wehe getötet wurde?

00:04:09: Wer hat ihn umgebracht?

00:04:11: Und wird es Gerechtigkeit für Marco Wehe's Hinterbliebene geben?

00:04:15: Doch zuerst, wie sah das komplizierte Familienverhältnis

00:04:18: der Halbgeschwister aus?

00:04:20: Wie hat sich ihre Freundschaft trotz allem entwickelt?

00:04:23: Und wer war eigentlich Marco Wehe?

00:04:26: Marco Wehe und Lisa Michalke sind Halbgeschwister.

00:04:33: Sie haben einen gemeinsamen Vater.

00:04:35: Marco Wehe wird 1973 geboren.

00:04:39: Noch als Baby wird Marco Wehe zur Adoption freigegeben.

00:04:42: Er wächst in Bremen auf.

00:04:44: Jahre später gründet der Vater eine neue Familie,

00:04:48: bekommt mit seiner neuen Frau zwei Kinder.

00:04:50: Lisa Michalke und ihre Schwester.

00:04:53: Als sich Marco Wehe und Lisa Michalke kennenlernen,

00:04:56: ist Marco Wehe schon erwachsen.

00:04:58: Lisa Michalke ist noch ein Kind.

00:05:01: Heute, 2024,

00:05:03: soll Lisa Michalke immer wieder ihren Bruder Marco Wehe beschreiben.

00:05:07: Vor Gericht, vor Journalist*innen,

00:05:10: vor ihrem Freundes- und Bekanntenkreis.

00:05:13: Ihre Sorge, ihrem Bruder dabei nicht gerecht zu werden.

00:05:17: Einen ihr so lieben Menschen in Worte zu fassen,

00:05:20: ohne dabei die vielen Details zu vergessen,

00:05:23: die ihn ausgemacht haben.

00:05:25: Und ohne immer wieder von ihrer großen Trauer überwältigt zu werden.

00:05:30: Im Interview mit Maximilian Pollux

00:05:33: versucht sie trotzdem, die Worte zu finden.

00:05:36: (Ruhige Musik)

00:05:38: Es ist für mich richtig schwer,

00:05:43: weil so viel Negatives passiert ist.

00:05:46: Und dieses ganze Negative bedeckt dieses komplett positive Bild.

00:05:51: Und ich hoffe, dass das irgendwann nicht mehr so ist.

00:05:55: Und man wirklich nur noch die schönen Momente im Kopf hat.

00:05:59: Versuchen wir, einen von den schönen Momenten zu greifen.

00:06:02: Wann hast du ihn das erste Mal gesehen?

00:06:05: Nein. Ich glaube, ich bin schon in die Grundschule gegangen.

00:06:09: Und ja, er hat sich auf die Suche nach seiner leiblichen Familie

00:06:13: gemacht, nach seinen Wurzeln.

00:06:15: Und er stand dann auf einmal da und sagte, dass er mein Bruder ist.

00:06:19: Ich kann mich ganz genau an den Tag erinnern.

00:06:22: Ich war krank.

00:06:23: Meine Mama hat mich mit meinem ganzen Bettzeug aufs Sofa gebetet

00:06:28: ins Wohnzimmer.

00:06:29: Und ja, es klingelte an der Tür.

00:06:31: Und auf einmal hatte ich ein Bruder.

00:06:34: Also, ihr seid nicht im selben Haus aufgewachsen.

00:06:37: Nein.

00:06:38: Er ist adoptiert worden.

00:06:40: Genau.

00:06:41: Und vom Altersunterschied, wie viel älter ist Marco als du?

00:06:44: 20 Jahre.

00:06:45: Also doch 20 Jahre, ein Riesen-Altersunterschied.

00:06:48: Und du wusstest nicht, dass es ihn gibt.

00:06:51: Nein.

00:06:52: Wie sah er aus, als wir das erste Mal gesehen haben?

00:06:56: Er sah auf jeden Fall gut aus.

00:06:57: Ich kann mich dran erinnern.

00:07:00: Ich fand ihn nicht hässlich oder so.

00:07:02: Er war ganz genau.

00:07:03: Und er hatte immer diese, wie sagt man das, Kotletten?

00:07:06: Ja, sagt man so.

00:07:08: Genau, daran kann ich mich erinnern.

00:07:10: Und er hatte eine richtig coole Art.

00:07:12: Also locker, cool.

00:07:13: Ja, ganz anders auch als meine Schwester.

00:07:15: Er hat ganz anders mit mir gesprochen.

00:07:17: Ganz andere coole Wörter benutzt.

00:07:19: Ich kann mich auch nicht mehr erinnern,

00:07:22: wie er mit mir gesprochen hat oder was er genau gesagt hat.

00:07:25: Aber er hatte auch diesen ...

00:07:27: Ich weiß nicht, ob man das als Akzent bezeichnet.

00:07:31: Und wie man das so in Bremen einfach spricht.

00:07:34: In Bremer Schnacke.

00:07:35: Ja, so ganz anders auf jeden Fall.

00:07:38: Also, ich fand das total cool.

00:07:40: Was für ein Gefühl war das?

00:07:42: Du wusstest, ich hab einen großen Bruder?

00:07:45: Das ist unbeschreiblich.

00:07:47: Du bist ja auch nicht darauf vorbereitet.

00:07:49: Wenn die Mama schwanger ist

00:07:51: und du weißt, da kommt dein Baby, das wird dein Junge,

00:07:55: dann ... du bist auf jeden Fall dann vorbereitet.

00:07:58: Aber so, da hast du jemanden,

00:08:00: der einfach den du als Person total cool findest.

00:08:03: Und dann ist er auch noch dein Bruder, gehört zur Familie.

00:08:07: Das ist unbeschreiblich.

00:08:09: Dazu fällt mir einfach nur schön, ein schön cool.

00:08:12: Ja.

00:08:13: Markowes Auftochen verändert die Dynamik in der Familie Michaelke.

00:08:19: Er baut eine Bindung auf,

00:08:21: besonders zu seiner neuen Schwester Lisa Michaelke.

00:08:24: Sie verstehen sich auf Anhiebgut.

00:08:26: Markowes nimmt immer wieder am Familienalltag der Michaelkes Teil.

00:08:31: Also, ich kann mich erinnern,

00:08:35: als ich kleiner war, war er öfters da.

00:08:37: Er war die Wochenenden bei uns.

00:08:40: Ich glaube nicht jedes, aber so jedes zweite, dritte Wochenende war er da.

00:08:44: Ja, und dann irgendwann, als ich natürlich älter wurde

00:08:47: und ich Facebook hatte und WhatsApp und was es da alles dann gab,

00:08:51: haben wir natürlich auch selbstständig Kontakt geführt

00:08:54: und nicht nur über das Handy von meiner Mama oder Papa.

00:08:58: Ja, und ich habe ein super Verhältnis mit meinem Bruder aufgebaut.

00:09:01: Ich muss tatsächlich sagen,

00:09:03: obwohl meine Schwester in der gleichen Stadt mit mir lebt,

00:09:06: hatte ich einen besseren Kontakt zu meinem Bruder,

00:09:09: der zwei Stunden weiter entfernt wohnte.

00:09:12: Hast du jemals mit Markowes gesprochen,

00:09:14: warum er in der Phase seines Lebens nach seinem leiblichen Vater gesucht hat?

00:09:18: Also, so wirklich haben wir nicht darüber gesprochen.

00:09:21: Ich denke mal, wenn ich älter gewesen wäre

00:09:24: und zu dem Zeitpunkt, als er vor der Tür stand,

00:09:26: da hätten wir drüber gesprochen.

00:09:28: Aber das hat sich dann alles so eingespielt

00:09:31: und das war dann eigentlich gar nicht mehr Thema.

00:09:34: Aber im Nachhinein denke ich mir, dass er einfach

00:09:37: nach seinen Wurzeln gesucht hat, dass er das brauchte.

00:09:40: Und er wollte auch wahrscheinlich so eine Sicherheit im Leben haben.

00:09:43: Einfach auch irgendwo dazugehören.

00:09:46: Ich denke, das war es eigentlich.

00:09:48: Lisa Michalke und Markowee bauen über die Jahre eine Freundschaft auf.

00:09:53: Sie treffen sich für gemeinsame Unternehmungen.

00:09:56: Die Geschwister wachsen enger zusammen.

00:09:58: Sie spielen gemeinsam auf der PlayStation,

00:10:01: die Markowee mitbringt, wenn er zu Besuch kommt.

00:10:04: Ich hab mich immer gefreut, wenn er kam,

00:10:06: weil ich wusste, er bringt das mit.

00:10:08: Ja, das war mega cool für mich.

00:10:11: Wir hatten schon viel Spaß.

00:10:13: Auch wenn der Altersunterschied so groß war zwischen uns.

00:10:16: Wir haben uns einfach super verstanden, das muss man echt sagen.

00:10:20: Kannst du dich erinnern, wie es für dein Vater war?

00:10:23: Er hat ja auch als sechs, sieben Jährige nicht gesagt,

00:10:26: wie es in seinem Inneren ausschaut.

00:10:28: Aber wenn du heute zurückguckst, was glaubst du?

00:10:31: Ich glaube schon, dass er sich sehr gefreut hat.

00:10:33: Die beiden haben sich ja auch super verstanden,

00:10:36: als mein Bruder da war.

00:10:38: Mein Papa ist natürlich auch so ein herzliches Mensch.

00:10:42: Man hat das schon gemerkt. Er hat sich mega gefreut.

00:10:45: Er ist auch plötzlich ein Sohn gewonnen.

00:10:47: Ja.

00:10:48: Und jetzt ist er an den Wochenenden da.

00:10:51: Und am Abend zu deiner Schwester?

00:10:53: Ja, also am Anfang war alles okay.

00:10:55: Aber irgendwann ...

00:10:56: Ich weiß nicht, warum, wieso, weshalb.

00:10:59: Aber meine Schwester war dann eher gegen ihn.

00:11:02: Meine Mama war gegen ihn.

00:11:03: Aber man muss auch dazu sagen,

00:11:05: meine Mama und meine Schwester sind dicke miteinander.

00:11:08: Wenn die eine eine Meinung hatte, hat die andere die gleiche Meinung.

00:11:12: Somit war ich dann diejenige, die den meisten Kontakt mit ihm hatte.

00:11:16: Weil mein Papa oder unser Papa ist halt auch älter geworden.

00:11:20: Und mit Handy hatte er auch nicht so die Erfahrung.

00:11:22: Aber letztendlich hatte ich dann den meisten Kontakt

00:11:25: mit meinem Bruder über Facebook und WhatsApp.

00:11:29: Für Lisa Michalkes und Markoves Vater

00:11:32: ist es trotz der Freude über den neu gewonnenen Sohn

00:11:35: nicht immer einfach.

00:11:36: Denn wo Lisa Michalkes einen großen Bruder kennenlernte,

00:11:40: stand ihr Vater, einem erwachsenen Mann und seinen Problem gegenüber.

00:11:45: (Ruhige Musik)

00:11:46: Mein Bruder hat gerne getrunken.

00:11:48: Der hat sehr, sehr gerne getrunken.

00:11:50: Wenn ich dann irgendwann abends ins Bett gegangen bin,

00:11:53: ist er bei uns in der Stadt Feiern gegangen.

00:11:56: Ich kann mich an eine Situation erinnern.

00:11:58: Mein Papa, der gibt auch sehr gerne.

00:12:01: Also, wenn jemand da ist, besucht der,

00:12:03: der stopft dich mit Essen voll, mit Trinken.

00:12:05: Also, der meint das total gut.

00:12:07: Daher, dass er auch wusste, dass mein Bruder gerne Bier getrunken hat,

00:12:11: hat er auch immer mehr geholt aus dem Keller.

00:12:14: Und irgendwann muss da irgendwie eine Streit-Situation entstanden sein.

00:12:18: Weil wir so krass aneinander geraten,

00:12:20: dass da erst mal ein Bruch dran war.

00:12:22: Und die auch erst mal keinen Kontakt mehr hatten.

00:12:25: Aber weil's auch, denke ich mal, beides zwei Sturkköpfe sind.

00:12:29: Also, mein Papa durch und durch.

00:12:31: Der kann sich irgendwie auch nicht entschuldigen.

00:12:34: Er weiß schon, was er falsch gemacht hat, aber ...

00:12:37: Ja, er kann das nicht.

00:12:38: Er hat das, glaub ich, auch nie wirklich gelernt.

00:12:41: Also, mein Bruder genauso. Der war auch ein Sturkkopf.

00:12:44: Dazu dann Alkohol und späte Stunde.

00:12:47: Und zwei Männer, die nicht gelernt haben, sich zu entschuldigen.

00:12:50: Oder vielleicht auch ihre Gefühle anders auszudrücken.

00:12:53: Ich kann mir den Streit gut vorstellen.

00:12:55: Ich hab den nicht mitbekommen.

00:12:57: Ich weiß, dass es da eine Streit-Situation gab.

00:12:59: Und dass da einfach dann ein Cut drin war.

00:13:02: Und er dann auch erst mal lange Zeit nicht kam.

00:13:04: Oder ich glaube, danach kam er gar nicht mehr.

00:13:07: Trotz des zerstrittenen Verhältnisses zu seinem leiblichen Vater

00:13:11: pflegt Markowee die Freundschaft zu seiner Schwester Lisa Michalke.

00:13:15: Sie schreiben einander.

00:13:16: Manchmal fährt er zu ihr nach Hameln,

00:13:18: um mit ihr etwas zu unternehmen. Heimlich.

00:13:21: Aus so, man hatte dann seine eigenen Geheimnisse.

00:13:25: Also, er hat mich abgeholt.

00:13:26: Ich bin von zu Hause raus.

00:13:28: Also, jetzt hätte ich irgendwo eine Haferie gehabt oder so.

00:13:31: Ich bin raus, er stand dann an einer anderen Straßenecke,

00:13:34: hat mich eingesammelt und hat mich auch genauso wieder zurückgefahren.

00:13:38: Und ich hatte das auch niemand aus meiner Familie erzählt,

00:13:41: weil das war mein Bruder, den verrat ich nicht.

00:13:44: So, dass er hier war.

00:13:46: Zu dem Zeitpunkt ist Lisa Michalke alt genug,

00:13:48: selbst Kontakt zu ihrem Bruder zu halten.

00:13:51: Sie hat ein Handy.

00:13:52: Facebook und WhatsApp machen es leicht, in Verbindung zu bleiben.

00:13:56: Die Freundschaft zwischen den Geschwistern bleibt bestehen.

00:13:59: Doch heute schaut Lisa Michalke anders auf diese Zeit zurück.

00:14:02: Im Nachhinein wünscht sie sich,

00:14:04: dass sie noch einige Fragen gestellt hätte,

00:14:06: für die es jetzt keine Antworten mehr gibt.

00:14:09: Denn trotz der engen Bindung gibt es Dinge,

00:14:11: die Geschwister nicht miteinander teilen.

00:14:13: Insbesondere Geschwister mit einem Altersunterschied von 20 Jahren.

00:14:17: Du kennst dich, du hast eine gute Bindung.

00:14:22: Aber letztendlich ist die nicht so gut,

00:14:25: nicht mal im Negativen gemeint.

00:14:28: Letztendlich ist diese Bindung dann doch nicht so gut,

00:14:31: dass du zeigst, wie du wütend wirst, wie du verletzlich bist.

00:14:35: Das zeigst du einfach nicht.

00:14:38: (Ruhige Musik)

00:14:39: Markowee hat einen schwierigen Staat ins Leben.

00:14:47: Die leibliche Mutter habe unter Alkohol- und Drogensucht gelitten,

00:14:51: heißt es.

00:14:52: Sie sei mit ihrem neu geborenen Sohn nicht zurechtgekommen.

00:14:55: Als es dem Vater nicht möglich ist, Markowee aufzunehmen,

00:14:58: wird dieser zu Adoption freigegeben.

00:15:00: Mit nur sechs Monaten kommt er in die Familie Weeh.

00:15:04: Er bekommt ihren Nachnamen

00:15:05: und wächst von da an bei ihnen in Bremen Neustadt auf.

00:15:09: Über Markowee's Kindheit weiß auch Lisa Michalke nicht viel.

00:15:12: Das meiste, was sie heute weiß, hat sie erst nach seinem Tod erfahren.

00:15:17: Vor allem in den Gerichtsterminen.

00:15:19: Heute vermutet sie, dass Markowee mit seinen Problemen

00:15:23: nicht zu ihr gekommen ist,

00:15:25: weil er vor seiner kleinen Schwester nicht schwach wirken wollte.

00:15:28: Die meisten Informationen zu Markowee's Kindheit

00:15:33: kommen von Harry Weeh.

00:15:35: Markowee's Patenonkel.

00:15:37: Harry Weeh ist außerdem der Bruder von Markowee's Adoptivvater.

00:15:42: Wir konnten in unseren Recherchen im Familienumfeld

00:15:45: persönlich mit ihm sprechen.

00:15:46: Er selbst beschreibt das Verhältnis zu Markowee

00:15:49: als einigermaßen nahe.

00:15:51: Kontakt haben sie immer gehabt.

00:15:53: Der pensionierte Pharmazeut erinnere sich an einen Jungen

00:15:57: mit guten Benehmen bei Verwandtschaftsbesuchen.

00:16:00: Aber auch an eine schwierige Mutter,

00:16:03: die manchmal harsch auf das Kind reagiert.

00:16:06: Seine Schwergerin hatte von Anfang an Probleme,

00:16:09: eine emotionale Mutter-Kind-Bindung zu Markowee aufzubauen.

00:16:13: Lisa Michalke ist sich später sicher,

00:16:17: dass das auch ein Grund sein könnte,

00:16:19: warum sich Markowee als junger Mann

00:16:21: auf die Suche nach seinem leiblichen Vater gemacht hat.

00:16:24: Harry Weeh erinnere sich beispielsweise,

00:16:27: dass ein umgekipptes Wasserglas bei einem Besuch zu Geschrei geführt habe.

00:16:31: Dass seine Schwergerin ausgeflippt sei

00:16:34: und Markowee auf sein Zimmer geschickt habe.

00:16:36: Die Erinnerungen beinhalten aber auch einen versöhnlichen Adoptivvater,

00:16:44: der Markowee wieder aus seinem Zimmer zurückgeholt habe.

00:16:47: Markowee hängt sehr an seinem Adoptivvater.

00:16:50: Die beiden haben ein enges Verhältnis,

00:16:53: teilen gemeinsame Interessen.

00:16:55: Sie gehen zusammen regelmäßig zu Fußball spielen.

00:16:58: Beide sind Werder Bremen-Fans.

00:17:00: (alle) Werder Bremen-Fans!

00:17:02: Werder Bremen-Fans!

00:17:04: Werder Bremen-Fans!

00:17:06: Werder Bremen-Fans!

00:17:08: 1995 stirbt der Adoptivvater an Krebs.

00:17:11: Als Folge einer Astbestbelastung.

00:17:14: Der Verlust trifft den 22-jährigen Markowee schwer.

00:17:18: Er sucht immer häufiger Zuflucht in Alkohol.

00:17:21: Und laut Harry Weeh manchmal auch in härteren Drogen.

00:17:25: Auch Patenonkel Harry Weeh erzählt von Markowees Alkoholproblemen

00:17:29: und Drogenkonsum.

00:17:31: Besonders Markowees Adoptivmutter habe Harry Weeh um Rat gefragt.

00:17:36: Er solle mit Markow über die Drogensprechen,

00:17:39: ihm ins Gewissen reden.

00:17:40: Scheinbar führte das aber nicht zum Erfolg.

00:17:43: Harry Weeh bemerkte, dass besonders Markowees sozialer Umgang

00:17:47: in Bremen ihn immer wieder auf die falsche Bahn gebracht hatte.

00:17:52: Harry Weeh erzählt weiter, dass er sich nach dem Tod

00:17:55: des Adoptivvaters drei bis vier Mal im Jahr

00:17:57: mit Markowee getroffen habe.

00:17:59: Bei diesen Treffen habe er Markowee aber hauptsächlich ermutigt,

00:18:03: erneut einen Drogenentzug zu machen.

00:18:06: Denn er habe Markowee irgendwann als charakterlich instabil empfunden.

00:18:10: Er sagt, Markowee habe sich besonders im Alkoholrausch

00:18:14: für den Größten gehalten.

00:18:16: (Düstere Musik)

00:18:19: Nachdem Markowee in Bremen Ende der 80er Jahre

00:18:25: seinen Abitur abschließt, machte eine Lehre zum Speditionskaufmann.

00:18:29: Ab 2005 arbeitete er bei einer Speditionsfirma für Schiffskontäne.

00:18:35: Er wohnt zuerst in Bremen, dann in Hamburg.

00:18:38: Zwischenzeitlich pendelt er zwischen Hamburg und Bremen.

00:18:41: Er hat Freunde, macht Urlaub an der Ostsee oder auf Mallorca,

00:18:46: dort besitzt seine Adoptivfamilie ein Haus.

00:18:49: Er geht in seiner Freizeit gern feiern,

00:18:51: besonders auf der Reperbahn in Hamburg.

00:18:54: Wer heute über Markowitz Facebook Profil scrollt,

00:18:57: begegnet einem mittelalten Mann, dessen grau-milliertes dunkelblondes Haar

00:19:02: lichter wird. Er trägt oft Polo-Shirts von Ralph Lauren. Noch immer ist der Fan

00:19:08: von Werder Bremen. Die Radsaison ist eröffnet, schreibt er im April 2014 auf

00:19:15: Facebook und postet ein Foto von seinem blauen Rennrad. Da ist er 41 Jahre alt.

00:19:20: Man findet auch Bilder von Abendessen in Restaurants, Grillabenden, Markovie beim

00:19:26: Reiten, Umarmungen mit Freunden. In unseren Recherchen konnten wir mit einem

00:19:32: langjährigen Freund von Markovie sprechen. Henrik G. hatte Markovie als

00:19:37: Kollegen kennengelernt. Sie hatten beide für das gleiche Speditionsunternehmen

00:19:41: gearbeitet. Knapp zehn Jahre waren die beiden Kollegen und teilten sich ein

00:19:45: Büro. Im Interview beschreibt Henrik G. was für eine Art Mensch sein Freund Markovie

00:19:51: war. Das Interview durften wir für diesen Podcast aufzeichnen. Also Markovie war auf

00:19:57: jeden Fall ein Lebewann. Es war einer der immer gute Laune gehabt. Hat auch

00:20:02: manchmal so oft gerade auf Firmen feiern, war manchmal so ein bisschen

00:20:05: auffälliger, dass er dann auch wenn er mal ein kleines Dorsch getrunken hat, dann ist

00:20:09: er auch mal zum obersten Chef gegangen und gesagt, komm jetzt können wir uns

00:20:11: dutzeln. Er meinte, der Chef ist nur alles klar, heute Abend, ja morgen dann nicht mehr.

00:20:15: Er war mal relativ locker, was das angeht und wenn er mal ein kleines

00:20:20: Papier getrunken hatte, dann war er ein bisschen lockerer drauf. Aber im Großen

00:20:24: Ganzen war wirklich ein etatuforkommender Mensch. Doch Henrik G. erzählt auch, dass

00:20:29: Markovie im Alkoholrausch übermütig werden konnte. Das deckt sich mit den

00:20:34: Beobachtungen von Patenonkel Harry Weh. Zum Beispiel sei auf der Repa-Bahn ein

00:20:39: Gespräch mit einem Türsteher sehr laut geworden. Henrik G. musste schlichten.

00:20:43: Die Situation konnte aber schnell aufgelöst werden. Vor Gericht wird

00:20:48: später auch ein anderer guter Freund von Markovie, die gemeinsame Freundschaft

00:20:51: beschreiben. Aus Schutz seiner Persönlichkeitsrechte werden wir ihn im

00:20:56: folgenden Simon K. nennen. Sie hätten sich noch aus Hamburg gekannt, dann später

00:21:01: beide in Bremen gewohnt. Im Schnitt hätten sie sich einmal in der Woche getroffen,

00:21:06: um zusammen Fahrer zu fahren oder Bier zu trinken. Gerne auch eins zu viel. Wie

00:21:11: Lisa Michalke, Patenonkel Harry Weh und Kumpel Henrik G. sei auch ihm der

00:21:16: übermäßige Alkoholkonsum aufgefallen. Er erzählt, dass Markovie im Rausch

00:21:21: aggressiv werden konnte. Einmal sei er sogar auf Simon K. losgegangen, hätte sich

00:21:27: hinterher aber wieder entschuldigt.

00:21:30: Doch obwohl Markovie als so lebensfroh beschrieben wird, ist bei ihm immer wieder

00:21:37: eine gewisse Einsamkeit zu beobachten. Mehrere Menschen aus Markovies Umfeld

00:21:42: sagen später vor Gericht aus, er habe sie immer wieder betrunken angerufen.

00:21:47: Manche sogar mehrmals die Woche. Lisa Michalke selbst erinnert sich nur an

00:21:52: einen oder zwei solcher Anrufe. Es ging ihr dabei nie um etwas Wichtiges.

00:21:57: Heute liest sie aus diesem Kontaktversuchen hauptsächlich, dass ihr

00:22:00: Bruder einen großen Redebedarf hatte. Ein weiteres Anzeichen für die vermutete

00:22:05: Einsamkeit, die Lisa Michalke zu Lebzeiten bei ihrem Bruder nicht erkannt hatte.

00:22:12: Im Rausch sucht er aber nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch Bestätigung.

00:22:17: Markovie soll im betrunkenen Zustand gern angegeben haben. Mit dem Geld seiner

00:22:23: Adoptivfamilie, mit den Immobilien, die sie besitzen, mit seinem teuren BMW und

00:22:28: mit Kontakten zu Clans in Bremen und Hamburg. Die sollten ihm noch ganz

00:22:33: besonders zum Verhängnis werden. Auch seiner Schwester Lisa Michalke hatte er

00:22:38: von diesen Kontakten erzählt. Er hat mir natürlich auch gesagt, wenn ich

00:22:42: Probleme habe, ruf an, ich kenne bestimmte Leute, macht ihr kein Kopf.

00:22:47: Die sind innerhalb von zwei Stunden bei dir. Also das hat er mir auch gesagt und ich

00:22:53: weiß auch, dass es diese Kontakte gab. Was die Kontakte betrifft, hat er auch nicht

00:22:58: dann geprahlt. Das Prallen an sich ist ja nichts Sympathisches, aber es kommt in

00:23:04: den allerselten Fällen von der Position der Stärke. Es kommt meistens wieder

00:23:08: Unsicherheit, Einsamkeit, dem Gefühl nicht genug zu sein. Und das ist wieder ein

00:23:13: Gefühl, was allein aufgrund seiner Lebenssituation, ja, wie soll er sich

00:23:17: fühlen als nicht gewollt, wenn er mit sechs Monaten wegkommt.

00:23:22: Jetzt folgt er eine Reihe vom psychischen Problemen bei ihm auch. Wir wissen, dass

00:23:27: dein Bruder einen Psychiater bzw. Psychologen aufgesucht hat und sich in

00:23:32: Therapie begeben wollte. Hat er da jemals sich mit dir darüber ausgetauscht?

00:23:37: Nein, nie. Also für mich war das auch komplett neu, muss ich ganz ehrlich sagen.

00:23:43: Man fragt sich auch im Nachhinein, warum habe ich das nicht mitbekommen.

00:23:46: Aber wenn ein Mensch dich etwas nicht wissen lassen möchte,

00:23:50: dann lässt er dich das auch nicht wissen. Das ist einfach so.

00:23:53: Ich habe auch im Nachhinein gehört, dass er wirklich so krass depressive Phasen

00:23:58: hatte, dass er über Suizid wohl anscheinend gesprochen hat.

00:24:03: Letztendlich wurde das aber dann doch so eingeschätzt, dass er sich das dann

00:24:07: doch nicht getraut hätte. Und das glaube ich auch tatsächlich. Ich glaube,

00:24:11: dass es einfach nur dieses "Ich sage das, ich spreche das aus" in der Hoffnung,

00:24:16: dass etwas kommt, dass ich wahrgenommen werde, dass jemand für mich da ist.

00:24:21: Ich glaube, das war das eigentlich bei ihm. Also das war das, warum er das überhaupt gesagt hat.

00:24:27: Also ein Hilfehof. Ja.

00:24:30: Markowee hat seit seines Lebens viele Frauen kennengelernt.

00:24:34: Er wurde von Freunden und Familie als Charmant beschrieben und hatte eine Reihe

00:24:38: an Ex-Partnerinnen, mit denen er auch noch oft freundschaftlich verbunden blieb.

00:24:43: Doch eine Frau schien Markowee ganz besonders viel bedeutet zu haben.

00:24:47: Also ich kann mich daran erinnern, dass er mir das erzählte, dass er mal eine Frau kennengelernt hat.

00:24:53: Sie hatte auch selber eine Tochter und die hatte er auch so angenommen, wie seine eigene soweit ich weiß.

00:24:58: Und diese Frau ist dann allerdings verstorben an. Ich glaube, Prostkrebs war das.

00:25:04: Und er hatte sehr daran zu nagen.

00:25:07: Es ist halt, es macht was mit dir, wenn du jemanden verlierst auf so eine Art und Weise,

00:25:12: die du wirklich sehr geliebt hast. Und er hat auch immer wieder über diese Frau gesprochen.

00:25:18: Er hat auch teilweise die Frauen, die er kennengelernt hat, mit dieser Frau verglichen.

00:25:23: Und das hat auch schon wirklich viel mit ihm gemacht.

00:25:26: Ich weiß, dass er immer eine Familie wollte, dass er eine Frau kennengelernt wollte, mit der er Kinder bekommt.

00:25:31: Das ist ja auch nie wirklich passiert.

00:25:34: Er hatte dann auch eine Frau kennengelernt, die dann keine Kinder mehr bekommen konnte.

00:25:39: Ja, das sind so Sachen einfach dieses unerfüllte Leben.

00:25:43: Er hatte seine Wünsche und es wurde ihm kein Wunsch so wirklich davon erfüllt.

00:25:49: Also wir suchen da eigentlich.

00:25:52: Wünsche ihr manchmal, du könntest mit dem wissen, dass du jetzt hast Marco gegenübertreten?

00:25:58: Definitiv.

00:26:00: Die kompletten Gespräche von uns, die würden ganz anders aussehen, so wirklich ernste Gespräche hatten wir ja nie.

00:26:08: Weil er hat mir nicht von seinen Problemen erzählt.

00:26:13: Ich hatte nie so wirklich Probleme, über die ich sprechen musste mit ihm.

00:26:17: Deswegen haben wir einfach über Alltagssituationen gesprochen.

00:26:21: Oder über mögliche Pläne oder auch immer, was man so sich einfach erzählt.

00:26:27: Aber definitiv würde ich heute ihm anders gegenübertreten, mehr auf ihn eingehen.

00:26:33: Mehr auf seine Bedürfnisse hören, wenn man das so sagen kann.

00:26:37: Und einfach versuchen ihm, noch mehr eine Stütze zu sein.

00:26:42: Heute überlegt Lisa Michalke, ob er mit seinen vielen Frauenbekanntschaften

00:26:46: vielleicht auch seine emotionale Schwere und seine Einsamkeit behandeln wollte.

00:26:52: Oder ob er sie mit seinem Erfolg bei Frauen nach außen hin kaschieren wollte.

00:26:58: Lisa Michalke kann sich noch an Situationen erinnern,

00:27:01: in denen sie selbst seinen Erfolg bei Frauen miterlebt hat.

00:27:05: Ich war mit meiner Mama und mit meiner Schwester an der Aussee.

00:27:08: Ich glaube, Peltzer Haken heißt das, der Ort.

00:27:13: Und er hatte sich gemeldet.

00:27:16: Da hatte ich auch noch kein Handy, also kein WhatsApp, kein Facebook.

00:27:19: Da hatte ich noch nicht direkt den Kontakt mit ihm.

00:27:22: Aber er hat sich irgendwie gemeldet bei meiner Mama und war auch in der Nähe

00:27:26: und ist dann vorbeigekommen und hatte versprochen zu kochen.

00:27:30: Er wollte auf jeden Fall Hähnchen-Schenkel machen.

00:27:34: Das weiß ich noch mit Knochen, weil ich mag nämlich keine Knochen.

00:27:38: Da erinnere ich mich sehr gut daran.

00:27:40: Er kam dann und hat die Dinger in die Pfanne geworfen

00:27:44: und meinte, er läuft noch mal zum Kiosk runter, um sich Zigaretten zu kaufen.

00:27:49: Die Dinger sind schwarz geworden, er kam nicht wieder,

00:27:52: weil er eine Frau kennengelernt hat.

00:27:54: Okay, oh, ja, okay.

00:27:57: Und deine Mutter stinkt sauer und du im Verteidigungsmodus?

00:28:01: Die waren wirklich sauer, meine Schwester und meine Mutter.

00:28:04: Dann saßen wir irgendwann später am Tisch.

00:28:06: Ich glaube, er war dann irgendwann wieder da.

00:28:08: Und die haben sich dann diese Hähnchen-Kollen genommen

00:28:12: und die waren ja echt schwarz.

00:28:14: Und die haben das runtergeschluckt und den hat das nicht geschmeckt.

00:28:18: Die haben einfach aus Nettigkeit gegessen.

00:28:21: Das war echt, wenn man im Nachhinein überlegt,

00:28:24: das ist schon echt witzig mit ihm gewesen.

00:28:26: Trotz der Fassade des Lebewanz

00:28:28: wird Markowee in Hamburg irgendwann alles zu viel.

00:28:31: Er kündigt seinen Job, zieht 2014 zurück nach Bremen.

00:28:37: Er geht zum Psychologen.

00:28:39: Dort sprechen sie über seine Depression.

00:28:42: Er überlegt schon mit 40 Jahren in Frührente zu gehen.

00:28:46: Schließlich erhält Markowee die Diagnose Burnout.

00:28:49: Bis die Frührente in Kraft tritt, bezieht er arbeitslosem Geld.

00:28:53: Eine neue Arbeit sucht er sich nicht mehr.

00:28:57: Das Burnout schränkt ihn so stark ein,

00:29:00: dass er nicht mehr Auto fahren kann.

00:29:02: Seinen heiß geliebten BMW wird er nie wieder benutzen.

00:29:07: Hat die Burnout-Erkrankung, von der du nicht wirklich was wusstest,

00:29:12: etwas in eurem Verhältnis verändert?

00:29:15: Bei psychischer Erkrankung merkst du ja,

00:29:17: oder haben wir einen Einfluss?

00:29:20: Er kam nicht mehr zu Besuch.

00:29:24: Ich weiß nicht mehr, wie er das gerechtfertigt hat.

00:29:28: Warum, wieso, weshalb.

00:29:30: Aber Fakt ist, er kam nicht mehr.

00:29:33: Ich hatte das auch mal mitbekommen,

00:29:36: dass er zwischenzeitlich kurz im Krankenhaus lag.

00:29:39: Er hatte mir erzählt, dass sein Fuß, sein Bein gebrochen ist.

00:29:44: Er lag im Krankenhaus.

00:29:46: Klar konnte er dann erst mal nicht kommen.

00:29:49: Danach ist er auch nicht gekommen.

00:29:52: Beziehungsweise ist er gar nicht mehr danach gekommen.

00:29:56: Zu der Zeit habe ich mir keine Gedanken gemacht.

00:30:00: Ich war auch selber beschäftigt.

00:30:02: Man hat, umso älter du wirst, umso mehr Stress hast du im Leben.

00:30:06: Stress mit Arbeit.

00:30:08: Du hast kurz und knapp zu wenig Zeit.

00:30:10: Der Tag hat zu wenig Stunden.

00:30:12: Ich habe mir darüber keinen Kopf gemacht.

00:30:15: Ich bin dann irgendwann zwischendurch noch mal hingefahren.

00:30:18: Aber ich habe nichts gemerkt.

00:30:21: Du hast ihn dann noch mal getroffen, wo er schon,

00:30:24: wo wir jetzt im Nachhinein, weiß, schon im Burnout war.

00:30:27: Er war schon in der Führernte.

00:30:28: Er hat nichts gesagt. Er hat nicht gesagt, ich kann nicht mehr arbeiten.

00:30:32: Er geht mir wirklich so schlecht.

00:30:34: Er hat das einfach nicht erklärt.

00:30:36: Fühlst du dich da, ich habe mir den nicht so nahe getreten,

00:30:39: aber fühlst du dich da heute im Nachhinein auch ein bisschen verarscht?

00:30:43: Oder belogen?

00:30:44: Klar, es ist schade auf der einen Seite.

00:30:46: Aber auf der anderen Seite kann ich es auch irgendwie verstehen,

00:30:50: dass er es nicht erwähnt hat.

00:30:52: Vielleicht wollte er auch einfach nicht schwach wirken.

00:30:55: Weil den Eindruck habe ich auch von ihm.

00:30:57: Er hat nie einen schwachen Eindruck in meinen Augen hinterlassen.

00:31:01: Es ist ja so, ich würde mir als Außenstehender auch denken,

00:31:05: warum kriegt man das als Familienmitglied nicht mit?

00:31:09: Markowis Angehörigen ist nicht ganz klar,

00:31:17: was er nach seinem Rückzug nach Bremen 2014 mit seiner Zeit gemacht hat.

00:31:22: Nur wenige Fakten sind bekannt.

00:31:24: Seine Adoptivmutter ist mittlerweile pflegebedürftig geworden.

00:31:28: Sie ist dement und Markowis kümmert sich um sie.

00:31:32: Obwohl ihr Verhältnis nach wie vor angespannt ist.

00:31:35: Und er hat Anfang 2019 Geld in ein renovierungsbedürftiges Haus

00:31:39: in der Bremer Neustadt investiert.

00:31:42: Das Haus steht nicht unweit der Gegend,

00:31:43: in der Markowis selbst aufgewachsen ist, in der Rheinstraße.

00:31:47: Doch das Projekt ist arbeitsintensiv, es muss viel gemacht werden.

00:31:52: Rohre liegen offen, Badezimmer müssen erneuert werden.

00:31:55: Es gibt keine Küche.

00:31:58: Trotz allem ziehen irgendwann im Zeitraum zwischen Anfang 2019

00:32:03: und Anfang 2020 zwei Freunde von Markowis auf dieser Baustelle ein.

00:32:09: Florian G. und Patrick E.

00:32:12: Die beiden Freunde sollen helfen, die Arbeiten am Haus vorzunehmen.

00:32:16: Externe Bauarbeiter werden zusätzlich beauftragt.

00:32:19: Lisa Michalke weiß über diese Vereinbarung nur,

00:32:22: dass ihr Bruder ein Haus gekauft hatte und Freunde von ihm dort wohnten.

00:32:27: Genaue Details sollte sie erst viel später erfahren.

00:32:31: Auch Harry Weh, Markowis Adoptiv und Patenonkel erinnert sich,

00:32:35: dass er mit seinem Patensohn über das Haus in der Bremer Rheinstraße gesprochen habe.

00:32:40: Das zwei oder drei Familienhaus sei noch eine komplette Baustelle gewesen.

00:32:46: Trotzdem seien zwei Freunde von Markowis in das obere Stockwerk eingezogen.

00:32:51: Markowis selbst wohnte in einem anderen Teil von Bremen.

00:32:54: Da hatte Harry Weh damals nach Handwerkern gefragt, die am Haus arbeiten könnten.

00:32:59: Damit konnte er Markowis allerdings nicht helfen.

00:33:02: Im Verlauf des Prozesses kommen noch mehr Eindrücke aus dieser Zeit dazu.

00:33:07: Ein Handwerker, der beim Ausbau des Badezimmers half,

00:33:10: hatte den Eindruck, dass Markowis sich mit dem Haus übernommen habe.

00:33:15: Obwohl er ein sachlicher und lieber Mensch sei,

00:33:17: habe Markowis manchmal fahrig und niedergeschlagen gewirkt.

00:33:21: Er habe Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren.

00:33:24: Musste einige Sachverhalte mehrfach erklärt bekommen.

00:33:27: Auch der Arbeitsaufwand sei größer gewesen als ursprünglich gedacht.

00:33:31: Gerade finanziell schien ihm das Projekt über den Kopf zu wachsen.

00:33:35: Die Finanzierung für das ganze Vorhaben sei von Markowis Adoptivmutter

00:33:40: und einem Kredit von der Bank gekommen, erzählte Markowis dem Handwerker.

00:33:44: Der Handwerker erinnerte sich auch an zwei junge Männer, die er angetroffen hatte,

00:33:53: als er das letzte Mal im Haus in der Rheinstraße gewesen war.

00:33:57: Aufgefallen sei ihm besonders die kühle und abweisende Atmosphäre.

00:34:01: Niemand habe miteinander geredet.

00:34:04: Auch Markowis guter Freund Simon K äußert sich vor Gericht zu dem Haus in der Rheinstraße.

00:34:09: Stolz hätte Markowis ihm seinen Kauf gezeigt.

00:34:12: Er hätte auch von den beiden Kumpels erzählt, die dort einziehen und aushelfen wollten.

00:34:17: Simon K erkennt die Männer später vor Gericht auch auf der Anklagebank wieder.

00:34:22: Es handelt sich um Florian G. und Patrick E.

00:34:26: Zwei der drei Tatverdächtigen im Mordfall um Markowis.

00:34:33: Simon K erinnert sich auch, dass Markowis sich in einem Gespräch mal darüber gefreut habe,

00:34:42: dass sein Freund Florian G. aus dem Gefängnis freigekommen sei.

00:34:46: Später habe Markowis ihm aber gesagt, dass es mit den Mietern in der Rheinstraße nicht so weitergehen könne.

00:34:52: Worum es genau in diesem Konflikt ging, wusste er aber nicht.

00:34:56: Zählen Florian G. und Patrick E. zu den gefährlichen Menschen, mit deren Kontakt sich Markowis manchmal brüstete?

00:35:04: Die Eintragungen im Strafregister der beiden könnten zumindest ein Hinweis sein.

00:35:09: Betrug, Raub, gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung und Drogenhandel sind darunter.

00:35:17: Und Markowis schien über ihre Vorstrafen Bescheid zu wissen.

00:35:21: Wenige Monate, nachdem die zwei vorbestraften Männer in das Haus in der Rheinstraße einziehen,

00:35:27: Anfang 2020 verliert Lisa Michalke den Kontakt zu ihrem Bruder.

00:35:32: Sie kann ihn nicht erreichen, auf Nachrichten antwortet er nicht mehr.

00:35:37: Sie wird nie wieder mit ihrem Bruder sprechen können.

00:35:39: Und es wird Jahre dauern, bis sie herausfindet, was mit ihrem Bruder geschehen ist.

00:35:46: Ich glaube, der letzte Kontakt, den ich mit meinem Bruder hatte, war ja Ostern.

00:35:50: Ich weiß gar nicht, ob Ostern im März 2020 war.

00:35:56: Da haben wir uns auf jeden Fall noch Bilder geschickt.

00:35:58: Er mir auf jeden Fall mit frohe Ostern.

00:36:01: Irgend ein Bild hat er mir geschickt, irgendein Ostern-Bild.

00:36:04: Und ja, das war unser letzter Kontakt.

00:36:07: Also nichts Besonderes, aber auch keine normale Unterhaltung in dem Sinne.

00:36:13: Und dann ist ja noch ein bisschen Zeit vergangen, bis ich mich selber auf die Suche begeben habe und nach Prim gefahren bin.

00:36:22: In der nächsten Folge "Mord unter Freunden".

00:36:29: Aber ich muss tatsächlich zugeben, als ich im Treppenhaus stand vor seiner Tür,

00:36:33: ich habe an diesem Tür Schlitz gerochen, weil ich natürlich den Gedanken hatte,

00:36:42: dass er da vielleicht liegt.

00:36:44: Was ist mit Marko W. geschehen?

00:36:47: Und wie half der Zufall der Polizei dabei zu erkennen,

00:36:53: dass kein Vermisstenfall, sondern mutmaßlich ein Mordfall vorliegt?

00:37:01: Das war Folge 1 von "Mord unter Freunden".

00:37:05: "Mord unter Freunden" ist eine Co-Produktion von Flow Media Company und Superstories für Podimo.

00:37:12: Mithaust Maximilian Pollux und Lisa Marie Michalke.

00:37:16: Executive Producers Podimo, Judith Stiegler-Trost und Madeleine Petri.

00:37:22: Marketing Podimo, Maybrit Döge.

00:37:25: Executive Producers Flow Media Company, Sabrina Andorfer.

00:37:30: Produktion Flow Media Company, Tim Giese, Lars Hansen, Lorenz Schuster.

00:37:35: Sound Design und Schnitt Flow Media Company, Serda Dennis.

00:37:40: Redaktion, recherchiert und geschrieben von Superstories.

00:37:44: Erzählt von mir, Laura Freisberg.

00:37:47: Bedanken Lisa für ihr Vertrauen.

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